Interviews mit Martin Hintsteiner, dem steirischen „Mr. Carbon“, sind eine rare Angelegenheit. Mit Markus Hackl hat er sich für die Rundschau aber gern zum Gespräch getroffen.
Still und heimlich hat sich die Firma Hintsteiner mit Standorten in Kindberg-Mürzhofen und St. Barbara zu einem führenden Anbieter in der Carbon- und Kunststofftechnik gemausert. Martin Hintsteiner über den Weg zum Erfolg:
Markus Hackl: Wie geht es der Hintsteiner-Gruppe aktuell?
Martin Hintsteiner: Uns geht es den Umständen entsprechend gut, und dafür sind wir dankbar. Wir haben uns über 45 Jahre hinweg solide entwickelt.
Hackl: Die Firma Hintsteiner wurde 1981 von ihrem Vater Gerhard in Mürzhofen gegründet. Ausgangspunkt war die Fertigung von Gießereimodellen aus Holz und Kunststoff. Wie verlief die Weiterentwicklung zu einem führenden Hersteller von Prototypen und Kleinserien aus Carbon und Kunststoff?
Hintsteiner: Bevor mein Vater den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, war er für die Voestalpine in Afrika tätig und am Aufbau eines Stahlwerks beteiligt. Nach seiner Rückkehr gründete er 1981 das Unternehmen. In den ersten Jahren fertigte er vor allem Modelle und Formen für die Stahlindustrie. Dabei kamen neben dem traditionellen Werkstoff Holz zunehmend auch Kunststoffe zum Einsatz. Aus dieser Entwicklung heraus verlagerte sich der Schwerpunkt des Unternehmens schrittweise in Richtung Prototypenbau und Kunststofftechnik.
Hackl: Und wie seid Ihr aufs Carbon gekommen?
Hintsteiner: Bereits Anfang der 2000er-Jahre begannen wir, uns intensiv mit dem Werkstoff Carbon zu beschäftigen. Am Anfang machten wir Carbonbauteile für Drohnen und den Motorsport. Viele Jahre lang haben wir getüftelt, getestet und Lösungen entwickelt, die sowohl damals als auch heute in der Branche außergewöhnlich sind. Dadurch haben wir uns ein enormes und in dieser Form einzigartiges Know-how aufgebaut.

Hackl: Sie leiten seit 2008 das familiengeführte Unternehmen. Wie hat sich das Unternehmen seit dieser Zeit entwickelt?
Hintsteiner: Aus einem klassischen Modell- und Formenbaubetrieb entstand eine international tätige Unternehmensgruppe. Heute entwickeln und fertigen wir komplexe Leichtbau- und Schutzsysteme – insbesondere für die Wehrtechnik.
Hackl: Hintsteiner ist auch in der Wehrtechnik tätig und hat sich auf die Entwicklung und Fertigung von Leichtbaukomponenten aus Carbon-Composite-Werkstoffen spezialisiert. Leichtbau in der militärischen Anwendung, ist das kein Widerspruch?
Hintsteiner: Auf den ersten Blick könnte man das glauben. Tatsächlich ist ein geringes Gewicht gerade bei militärischen Systemen ein entscheidender Vorteil. Bereits vor 20 Jahren haben wir versucht, Vertretern der Wehrtechnik zu vermitteln, dass Carbon-Composite-Werkstoffe in vielen Bereichen eine leistungsfähige Alternative zu konventionellen Stahlkonstruktionen darstellen können. Bis sich diese Erkenntnis durchgesetzt hat, war viel Überzeugungsarbeit notwendig. Hinzu kamen umfangreiche Entwicklungs-, Prüf- und Qualifizierungsverfahren. Heute zeigt sich klar: Leichtbau und Wehrtechnik sind kein Widerspruch, sondern die Zukunft.
Hackl: Rüstungsindustrie ist ein breites Feld. Gibt es ein Beispiel, in welchem Segment Hintsteiner tätig ist?
Hintsteiner: In den vergangenen sieben Jahren haben wir unser ballistisches Schutzsystem „Hi2Protect“ entwickelt. Damit können Standardfahrzeuge, wie der Teleskoplader von Liebherr, gezielt nachgerüstet und gegen Splitter, Drohnenangriffe sowie direkten Beschuss geschützt werden. Auch in die Entwicklung der Drohnenabwehr sind wir stark involviert.
Hackl: Hintsteiner ist ja auch noch in den Sparten Automotive, Motorsport und Industrie tätig. Wie verteilen sich die Aufträge prozentuell? Wo setzt man am meisten um?
Hintsteiner: Das Auftragsvolumen hat sich stark gewandelt – von Automotive und Motorsport hin zur Wehrtechnik. Aktuell arbeiten wir zu rund 70 Prozent für die Wehrtechnik, der Rest verteilt sich auf die übrigen Sparten.
Hackl: Im Jahr 2014 hat man ein Join-Venture mit der Firma F/List gegründet, daraus hervorgegangen ist die Firma Hilitech in Kindberg, die sich auf die Entwicklung und Fertigung ultraleichter Kabinensysteme und Composite-Bauteile für die internationale Luftfahrtindustrie spezialisiert hat. Eine Zusammenarbeit, die sich bewährt hat?
Hintsteiner: Durchaus. Die Auftragsbücher bei Hilitech sind voll. Mit Hilitech decken wir wir eine Nische in der zivilen Luftfahrt ab, die wir allein nicht geschafft hätten. Zudem bewährt sich der Firmenverbund mit Hintsteiner, F/List und Hilitech.
Hackl: Im Jahr 2022 hat man um 13 Millionen Euro den Standort in St. Barbara gebaut, jetzt wird bereits erweitert. Man investiert 3,5 Millionen Euro in den Ausbau des Standortes zur Erweiterung der Produktions- und Logistikkapazitäten. Was steckt dahinter?
Hintsteiner: Hinter der Investition steht vor allem das starke Wachstum im militärischen Bereich. Wir benötigen zusätzliche Produktionsflächen, aber auch deutlich mehr Lagerkapazität. Viele Materialien und Komponenten haben lange Lieferzeiten. Deshalb müssen wir größere Mengen bevorraten, um zuverlässig und kurzfristig liefern zu können. Um unsere Produktionsflächen zu erweitern, wird das bisherige Lager umgebaut und künftig für die Fertigung genutzt.
Hackl: Das bringt auch neue Arbeitsplätze?
Hintsteiner: Definitv. Nur lässt es sich momentan schwer abschätzen, wie viele es tatsächlich werden. Diese Investitionen verbessern unsere Abläufe, erhöhen unsere Lieferfähigkeit und sichern die weitere Entwicklung des Unternehmens. Wir stehen dabei erst am Anfang einer neuen Entwicklungsphase. Uns geht es nicht um die Größe, wir wollen stets die Besten sein. Schauen wir einmal, wohin die Reise gehen wird.

Hackl: Mürzhofen, Kindberg, St. Barbara: Hintsteiner mag das Mürztal. Welchen Standortvorteil hat das Mürztal?
Hintsteiner: Was den Standort Mürztal und generell die Steiermark für uns so besonders macht, das sind die Menschen. Mir taugt dieser Typ Mensch. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen kommen aus der Region; sie sind gut ausgebildet, absolut loyal und stehen voll und ganz hinter dem Unternehmen.
Gemeinsam ergibt das eine besondere Mischung – und wahrscheinlich sind wir genau deshalb dort, wo wir heute sind.
Martin Hintsteiner
Hackl: Bei Hintsteiner sind rund 70 Mitarbeiter beschäftigt, weitere 40 bei Hilitech. Welche Rolle spielt dabei die Lehrlingsausbildung?
Hintsteiner: Wir sind stolz auf unsere Lehrlinge. Wir bilden Modellbauer, Kunststofftechniker und Faserverbundtechniker aus. Viele unserer Lehrlinge bleiben auch nach Abschluss ihrer Ausbildung im Unternehmen. Wenn uns jemand verlässt, wechselt er meist nicht zu einem regionalen Industriebetrieb, sondern direkt zum Militär.
Hackl: Sie sind ja auch begeisterter Motorrad-Fahrer. Auch hier gibt es ja einen Bezug zur Firma? Schließlich ist man auch im Motorradrennsport tätig?
Hintsteiner: Ja, meine Begeisterung für Motorräder passt hervorragend zu unserer Arbeit. Zum 35-jährigen Firmenjubiläum haben wir eine Harley-Davidson komplett umgebaut und zahlreiche Komponenten in Carbon-Leichtbauweise gefertigt. Das Custom-Bike steht heute in unserem Eingangsbereich und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet.
Hackl: Hintsteiner hat sich wirtschaftlich in ungeahnte Höhen gehievt. Kann man in dieser Größenordnung noch ein familiengeführtes Unternehmen sein? Ich nehme an, dass es bereits lukrative Beteiligungsanfragen gegeben hat?
Hintsteiner: Wir sind kein typisches Familienunternehmen, in dem Entscheidungen und Strategien in der Familie beschlossen werden. Ich bin der einzige Hintsteiner in der Firma, bin aber nicht der einzige, der Entscheidungen trifft. Alle Entscheidungen werden gemeinschaftlich im Management getroffen. Wenn man kontinuierlich wachsen will, dann muss man die Kompetenzen auf mehrere, möglichst gute und kluge Köpfe verteilen. Und genau das machen wir – und vielleicht ist gerade das unsere große Stärke.

Zum Unternehmen:
Die Firma Hintsteiner wurde 1981 in Mürzhofen von Gerhard Hintsteiner gegründet, mit Schwerpunkt auf Modelle und Formen für die Stahlindustrie. Martin Hintsteiner hat 2008 die Geschäftsführung übernommen. Im Jahr 2014 hat Hintsteiner mit dem Unternehmen F/List die Firma Hilitech in Kindberg gegründet, die Leichtbau-Einrichtungen für die Luftfahrt fertigt. 2022 wurde um rund 13 Millionen Euro ein neues Headquarter neben dem S6-Zubringer Mitterdorf in St. Barbara errichtet. Bei Hintsteiner sind rund 70 Mitarbeiter beschäftigt, weitere 40 bei Hilitech.





