Im Gespräch mit Rudolf Tischhart, dem Vorsitzenden der Erlebnisregion Erzberg-Leoben.
Seit 22 Jahren ist Rudolf Tischhart in führender Funktion im Tourismus aktiv; zuerst im Verband in der ehemaligen Gemeinde Gai, dann im mehrgemeindigen Verband HerzBergLand, zuletzt im Verband Erzbergland und seit der Tourismusreform 2021 als Vorsitzender in der Erlebnisregion Erzberg-Leoben.
Markus Hackl: Wie geht es dem Tourismus in der Region Erzberg-Leoben?
Rudolf Tischhart: Der Tourismus in unserer Region ist ja im Gegensatz zu klassischen Tourismusregionen ein zartes Pflänzchen. Vergleicht man die Budgets und die Nächtigungen, zählen wir zu den kleinsten Verbänden in der Steiermark. Mehr als die Hälfte der Übernachtungen sind Businessgäste von unseren Global Playern wie Voestalpine RHI, Knapp oder AT&S. Bei der eigenen Bevölkerung ringen wir um Anerkennung, um als touristische Region anerkannt zu werden. Unsere große Aufgabe zusammen mit unserem neuen Geschäftsführer Markus Leitner ist es, die Akzeptanz für den Tourismus in der Bevölkerung zu stärken. Mit Markus Leitner haben wir einen Geschäftsführer, der vor seiner Tätigkeit in unserem Verband Prokurist beim Steiermark Tourismus war und somit den Blick auf das große Ganze hat. Er wird unsere Region touristisch mittelfristig in ein völlig neues Blickfeld rücken.
Hackl: Es fehlt demnach an der touristischen DNA, wie sie beispielsweise Schladming hat?
Tischhart: Es braucht die Akzeptanz der Bevölkerung für den Gast und auch ein gewisses Maß an Freundlichkeit und Selbstverständlichkeit. Es braucht einfach mehr „Griaß Di“ und „Pfiat Di“. Tourismus ist generell aber bei uns bei weitem noch kein Selbstläufer: Steigt die Zahl der Gäste, steigt auch die Wertschöpfung und somit die Akzeptanz in der Bevölkerung. Zusätzlich braucht es mehr Qualitätsbetten in unseren Beherbergungsbetrieben. Wir haben viele Quartiergeber, die unter der Woche Arbeiter und Monteure beherbergen, aber es funktioniert nicht, dass diese Zimmer an Wochenenden an Urlaubsgäste vermietet werden sollen. Da ist der Anspruch ein höherer. Es braucht mehr gute Drei-Stern- und Vier-Stern-Betriebe.
Hackl: Seit 2018 ist ja der Grüne See von der Hochsteiermark zu Erzberg-Leoben gewandert. Wie passt die Lamingtalgemeinde Tragöß-St. Katharein ins Tourismuskonzept?
Tischhart: Der Grüne See passt wunderbar in unsere Strategie und wir grenzen mit unserem Gebiet am „Hiasl Eck“ ja direkt an das Gemeindegebiet von Tragöß-St.Katharein. Die Urlauber, die zu uns kommen, sind zumeist in irgendeiner Form sportlich aktiv. Entweder machen sie am Erzberg bei diversen Veranstaltungen mit, oder sie nutzen unsere 500 km umfassendes Mountainbikewegenetz. Die Gäste suchen Abenteuer und Sport in einer naturbelassenen Landschaft. Und hier passt der Grüne See ideal ins Konzept. Wobei es kein Konkurrenzkampf zwischen Hochsteiermark und uns gibt, wir sind freundschaftlich bestens miteinander verbunden. Letztendlich ist es egal, ob der Gast in Spielberg ein Rennen anschaut, ob er nach Graz fährt, er den Nationalpark Gesäuse besucht, oder ob er nach Mariazell pilgert – Hauptsache er kommt in die Region, gibt in der Steiermark seine Euros aus und die Wertschöpfung bleibt uns somit erhalten.

Hackl: Nächtigungszahlen sind ja der „ewige“ Gradmesser im Tourismus. 2025 hatte man knapp 300.000 Nächtigungen (davon 130.000 in der Wintersaison). Genug, um als Tourismusregion wahrgenommen zu werden?
Tischhart: 60 Prozent unserer Nächtigungen kommen aus der Industrie, von unseren großen Betrieben und Bildungseinrichtungen, und die verbleibenden 40 Prozent sind tatsächliche Urlaubsgäste. Spitzenreiter bei den Nächtigungen ist Leoben, gefolgt von Eisenerz – hier kommen die vielen Veranstaltungen am Erzberg zu tragen. Wir partizipieren sehr viel von den Veranstaltungen am Red-Bull-Ring in Spielberg. Zurück zur Industrie: Wenn die Wirtschaft schwächelt, dann gehen sofort die Nächtigungen bei uns zurück. Das spüren wir 1:1. Das war im Vorjahr der Fall. Das erste halbe Jahr heuer verläuft bereits deutlich besser.
Hackl: Stichwort Winter: Mit dem Präbichl hat man ein größeres Skigebiet im Nahbereich des Grazer Raumes. Wie aber schaut es abseits des Skifahrens aus? Wie sehr lassen sich Gäste mit Skitouren, Langlaufen oder Winterwandern anlocken?
Tischhart: Ja, wir haben Alternativprogramme. Das Langlaufen war schon stärker, hat aber mit den schneearmen Wintern zu tun. Somit sind bei unseren vier Loipen, die mit dem Loipengütesiegel ausgezeichnet sind, nur sehr wenige Loipentage zusammengekommen. Wobei der Präbichl mit 120.000 Gästen im Winter ganz klar unser Quotenbringer ist. Weiters haben wir auch einige Schneeschuhtrails. Alles für Gäste, die schon da sind. Nur wegen dem Schneeschuhgehen kommt kein Gast zu uns. Der Skitourentourismus zeigt sich bei uns auch mit Schattenseiten: Seien es die Touren im Palten-Liesingtal, im Gößgraben oder in der Eisenerzer Ramsau: hier erreicht man sehr schnell die Kapazitätsgrenzen, weil es in den Gräben wenig Parkmöglichkeiten gibt. Ich rede da von hunderten Fahrzeugen, die die Forststraßen zuparken. Hier suchen wir zwar das Gespräch mit den Grundbesitzern, aber wir können dieses Angebot ja gar nicht groß bewerben, weil wir eh schon voll sind.

Hackl: Auf was dürfen sich die Urlaubsgäste im Sommer freuen?
Tischhart: Bleiben wir am Präbichl: Der Adventurepark, der laufend erweitert wird, zieht viele Gäste auch im Sommer an. Aktivurlauber fühlen sich bei uns angesprochen: Wir sind richtig stark mit unseren Großveranstaltungen wie dem Erzbergrodeo, oder den Adventure-Days am Erzberg. Und das sind auch Gäste, die gerne wiederkommen. Wir haben zwar mit dem Leopoldsteinersee die Karibik der Alpen, das sich aber nicht vermarkten lässt. Der Familie Tilzer sei Dank, dass es überhaupt eine Einkehrmöglichkeit in dieser Qualität gibt, Abschreckend am See sind die vielen Verbotstafeln. So fühlen sich die Gäste nicht willkommen.
Hackl: Wo kommen die Gäste eigentlich her?
Tischhart: Gerne kommen Gäste aus Deutschland zu uns, speziell aus Süddeutschland. Im Winter sind es die Ungarn, im Sommer sehr viele Tschechen, die überaus bergaffin sind. Bei österreichischen Gästen liegt die Steiermark klar vorne, gefolgt von Gästen aus Wien und Niederösterreich.
Hackl: Leoben, Eisenerz und Vordernberg haben montanhistorisch doch beachtliche Bedeutung. Wie sehr lässt sich diese bergmännische Tradition in den Tourismus implementieren?
Tischhart: Es ist für uns ein ganz wesentliches Thema, das wir schon x-fach diskutiert und evaluiert haben. Das Kupferbergwerk in Radmer ist für mich ein besonderes Kleinod; eine Führung ist ein wirkliches Abenteuer. Die Schwierigkeit ist es aber, für einen kleinen Rahmen, eine umfassende Infrastruktur aufrechterhalten zu können. Der ganze Ort Vordernberg wäre an sich ein montanhistorisches Museum, diese Sparte ist und bleibt jedoch ein touristisches Nischenprodukt. Viele Verantwortliche wirken ehrenamtlich mit, sind mittlerweile auch in die Jahre gekommen und somit lässt sich nur schwer ein tägliches Führungsangebot auf die Beine stellen.

Hackl: Leoben als zweitgrößte Stadt der Steiermark ist in erster Linie als Industriestandort in den Köpfen der Österreicher, sozusagen als graue Stahlstadt. Einerseits boomt der Konzerntourismus, mit Nächtigungen vom Spitzenmanager bis zum Leiharbeiter und Monteur. Wie aber lassen sich andererseits Synergien zwischen Industrie und Tourismus herstellen?
Tischhart: Ein wichtiges Thema für uns. Bei uns gibt es einen Tourismusverband, der Marketing macht und die Industrie, die mit der Stadt zusammen Standortmarketing betreibt. Und miteinander sind wir eng verzahnt. Was ja viele Konzernkunden nicht wissen: dass es einen hochtechnologischen Industriestandort in einer wunderbaren Naturlandschaft gibt, da haben wir ja fast ein weltweites Alleinstellungsmerkmal. Nicht außer Acht lassen darf man die „Erlebniswelt Wirtschaft“ der SFG, die auch viele Gäste in die Betriebe und somit in die Region bringt.
Hackl: Bleiben wir bei Leoben: Viele Jahre hindurch waren die Sonderausstellungen in der Kunsthalle Leoben ein Besuchermagnet. Wie schmerzlich ist es, dass es diese qualitativ hochwertigen Ausstellungen mit bis zu 100.000 Besuchern in der Saison nicht mehr gibt?
Tischhart: 170.000 Besucher hat allein die Ägyptenausstellung gebracht. Für den Tourismus ist es sehr schmerzhaft, ebenso für die Gastronomie in der Stadt. In dieser Zeit sind Tourismus und Gastronomie wirklich zusammengewachsen. Man muss jedoch den Tatsachen in die Augen schauen: Es ist kein Geld dafür mehr vorhanden und es ist gar nicht anzudenken, dass es solche Ausstellungen in dieser Qualität je wieder in der Peripherie zu sehen geben wird. In Leoben, immerhin die zweitgrößte Stadt der Steiermark, gibt es aber innovative Unternehmer, welche großartige Veranstaltungen, wie die Iron Road of Children, die neuaufgeflammten Konzerte am Hauptplatz oder das Area 53-Festival in Schladnitz mit 10.000 Besuchern, organisieren. Als Tourismusverband sehen wir uns hier in der Pflicht, diese Vorhaben auch finanziell mit zu unterstützen.
Es braucht die Akzeptanz der Bevölkerung für den Gast und ein gewisses Maß an Freundlichkeit. Es braucht mehr „Griaß Di“ und „Pfiat Di“.
Rudolf Tischhart
Hackl: Jetzt ein paar Fragen zu Ihrer Person: Wie sind Sie eigentlich zum Touristiker geworden?
Tischhart: In meiner ehemaligen Gemeinde in Gai hat mich der damalige Bürgermeister Anton Kogler einst gefragt, ob ich nicht im Tourismusverband tätig sein möchte. Da ich immer schon etwas bewegen wollte, habe ich nicht nein gesagt und die ehrenamtliche Tätigkeit angenommen. Bis zum Obmann des Verbandes ging es dann recht schnell. Der Einstieg in den eigentlichen Tourismus war für mich die Idee mit dem Erzberglauf in einem aktiven Bergwerk. Zusammen mit dem Konzernbetriebsratsvorsitzenden Sepp Gritz wurde das Unmögliche seinerzeit möglich gemacht. Unmöglich deshalb, da mit Ausnahme des damaligen Bergdirektors Stefan Petermann und des Prokuristen Hubert Kohlmaier niemand daran geglaubt hatte, dass überhaupt jemand auf den Erzberg hinauflaufen möchte. Beim ersten Lauf waren 837 Läufer dabei und somit waren wir auf Anhieb Österreichs größte Berglaufsportveranstaltung. Heute sind übrigens an die 5000 Teilnehmer aus 30 Nationen an verschiedenen Bewerben über fast 2 Wochen in der Region. Also schon ein Tourismusprojekt erster Güte. Ich bin dann immer mehr in den Tourismus hineingewachsen, war bei einigen Fusionen mit dabei und habe mit den Entscheidungsträgern der Gemeinden Hafning, Trofaiach, St. Peter/Freienstein und Traboch sowie des Landes Steiermark einen der ersten mehrgemeindigen Tourismusverbände in der Steiermark mitgegründet.
Hackl: Ihr Lieblingsplatzerl in der Region Erzberg-Leoben?
Tischhart: Nachdem ich mehr als 20 Jahre bei diversen Veranstaltungen am Erzberg tätig war, ist es die alte Bohrerschmiede am Oswaldirücken am Erzberg. Der Berg verfärbt sich so oft am Tag und bietet jedesmal einen neuen Anblick. Hier habe ich sprichwörtlich viele meiner Ideen geschmiedet.
Hackl: Wo verbringen Sie heuer Ihren Urlaub?
Tischhart: Tatsächlich in der Steiermark. Ich bin leidenschaftlicher Opa und freue mich auf die unendlich vielen Möglichkeiten mit meinen Zwergerln – von Radkersburg bis zu unserem Wilden Berg in Mautern, da haben wir sogar eine Saisonkarte, den Sommer zu verbringen.
Zur Erlebnisregion Erzberg-Leoben
Seit der Tourismusreform im Jahr 2021 ist die Steiermark in elf Erlebnisregionen aufgeteilt. Eine davon ist die Region Erzberg-Leoben, die zum überwiegenden Teil den Bezirk Leoben sowie die Grüner-See-Gemeinde Tragöß-St. Katharein umfasst. Von Eisenerz bis nach Tragöß und von Trofaiach bis nach Mautern bilden 16 Gemeinden diese Erlebnisregion. Touristische Eckpfeiler sind der Erzberg mit den zahlreichen Veranstaltungen wie dem Erzbergrodeo, der Präbichl als Schiberg, die Montanstadt Leoben, der Wilde Berg in Mautern und der Grüne See in Tragöß.





