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Startseite » Michael Schrittwieser: „Manchmal fühle ich mich wie der Sisyphus“
Lokales

Michael Schrittwieser: „Manchmal fühle ich mich wie der Sisyphus“

Markus Hacklvon Markus Hackl19. Juni 20269 Minuten Lesezeit
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Ein Mann steht vor einem Sportpokal.
Michael Schrittwieser in der „Trophäenstraße“ der Kapfenberg Bulls mit dem neuen Meisterpokal. Foto: Hackl
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Im Gespräch mit „Mister Basketball“ und „Meistermacher“ Michael Schrittwieser über eine Leere, die der Erfolg mit sich bringt, über die Hallenproblematik und über Unersetzlichkeit.

Markus Hackl: Die Kapfenberg Bulls haben am Samstag im letzten Spiel der Finalserie den Meistertitel fixiert. Wie geht es dir nach einigen Tagen Abstand damit?
Michael Schrittwieser: Nach einer großen Euphorie kommt bald einmal eine gewisse Form der Leere. Es wartet die nächste große Herausforderung. Aufgrund der langen Finalserie mussten einige Aufgaben und Projekte zurückgesteckt werden, jetzt geht es ans Zusammenräumen und aufarbeiten. Gehälter und Meisterprämien müssen ausbezahlt werden und sofort beginnt der Prozess für die nächste Saison. Es bleibt überhaupt keine Zeit zum Durchschlafen und das macht müde – bei aller Freude und bei aller Aufbruchstimmung. Man fühlt sich wie Sisyphus, man beginnt ständig bei Null.

Hackl: Kapfenberg hat sich zum 8. Mal den Meistertitel im österreichischen Basketball geholt. In der ewigen Bestenliste liegt man damit auf Platz vier. Welcher Titel war für dich der schönste, oder ist immer der letzte Titel der schönste?
Schrittwieser: Der schönste Meistertitel war sicherlich der erste im Jahr 2001. Damals feierten wir das 25-Jahr-Jubiläum. So wie heute war es auch damals ein sehr verbundener Kreis, der heute um einiges größer ist. Die Emotion und Euphorie in der aktuellen „Bulls Familie“ erinnert mich sehr an 2001; vielleicht folgt auch deswegen der Titel 2026, weil es nach sieben dürren Jahren diesen Erfolg gab, den wir trotz aller Herausforderungen gemeinsam bewältigt haben. Der Erfolg hat uns in den vergangenen Jahren etwas verwöhnt und hat uns den Fokus verlieren lassen, jetzt sind wir wieder auf Schiene.

Hackl: Nach der Meisterschaft ist vor der Meisterschaft. Wird das Meisterteam im Herbst auch noch in Kapfenberg zu sehen sein?
Schrittwieser: Ja, wir sind auf einen guten Weg. Unseren Trainer Klym Artamonov, der einen super Job gemacht hat, konnten wir längerfristig verpflichten. Der eine oder andere Schlüsselspieler hat auch schon verlängert, der eigene Spielerstamm rund um Krstic, Schrittwieser, Grgc und McCaw bleibt uns ebenso erhalten. Zumindest 70 Prozent des Teams bleibt in Kapfenberg, das ist auf sportlicher Ebene ein Vorteil und natürlich auch im Erscheinungsbild.

Im fünften Finalspiel in der Best-of-three-Serie haben sich die Kapfenberg Bulls den österreichischen Staatsmeistertitel geholt. Foto: Kapfenberg Bulls

Hackl: Bei der Vorstellung des Bulls Home im Jahr 2022 wurde verkündet, dass man Kapfenberg bis 2026 zu „Bayern München“ im Österreichischen, aber auch im europäischen Basketball machen möchte. Wie weit ist man auf diesem Weg?
Schrittwieser: Die Vision 2026 ist unser Leitfaden und wird im Rahmen einer Klausur im Juli angepasst. Was heißt es: Wir wollen uns dauerhaft an der Spitze festsetzen, was uns auf nationaler Ebene auch gelungen ist. Weiters wollten wir uns international etablieren, was auch gelungen ist: Immerhin spielen wir in der ENBL, der European North Basketball League, das dortige Niveau passt gut zu uns und dort werden wir aller Voraussicht nach auch in der nächsten Saison einen Startplatz haben. Defizite haben wir im Nachwuchsbereich, noch ist es uns nicht gelungen den Ausbildungssystem so zu reformieren, dass man ihn, ähnlich wie im Fußball, monitorisieren kann. Wir bringen zwar immer wieder Nationalteamspieler hervor, aber nur wenige schaffen es auf den internationalen Markt, so dass man Ablösen lukrieren könnte. Zum großen Teil sind wir auf einen guten Weg. Es braucht eine Verbreiterung im Bulls-Gefüge und soll auch eine spürbare Entlastung meiner Person bringen. Das soll in einer Klausur im Juli passieren.

Hackl: Wie schaut es mit einer Damenmannschaft im Basketball in Kapfenberg aus?
Schrittwieser: Es ist ein Thema für uns. Wir haben mit den „Bulls Girls“ zehn bis zwölf Mädchen im Verein und mit Marlene Wols auch eine Betreuerin. Zusammen mit der Stadt wollen wir das Thema Mädchen im Sport weiter vorantreiben. In der öffentlichen Wahrnehmung kann man durchaus noch Schritte nach vorne machen, denn sportkulturell ist die Region nach wie vor sehr maskulin geprägt.

Hackl: Mit dem Meistertitel hat man jetzt ja auch Oberwasser bei den Verhandlungen für eine neue Basketballhalle. Wie weit sind die Pläne fortgeschritten?
Schrittwieser: Gerade die Finalspiele haben deutlich gezeigt, welche infrastrukturellen Mängel wir haben; die Kapazitätsgrenzen sind erreicht. Es muss was passieren, wir bekommen sonst auch keine Lizenz mehr für die Bundesliga. Der Klub hat seine Hausaufgaben gemacht, die Stadt ebenso. Jetzt liegt der Ball einzig beim Land. Geplant ist keine reine Basketballhalle, sondern ein hochsteirisches Veranstaltungszentrum. Es gibt ein Grundstück mit Baurecht, es gibt entsprechende Wirtschaftsförderungen. Seit Wochen warten wir auf einen Termin beim Landeshauptmann. Mit einer für uns akzeptablen Zusage des Landes müsste das Projekt innerhalb der nächsten zwei Jahre umgesetzt sein. Deadline ist 2028 – sonst war’s das mit Spitzenbasketball in Kapfenberg.

Gibt es bis 2028 keine neue Halle, dann war es das mit Spitzenbasketball in Kapfenberg.

Michael Schrittwieser

Hackl: Die Kapfenberg Bulls sind auch ein Wirtschaftsbetrieb. Wie verläuft hier die wirtschaftliche Entwicklung?Schrittwieser: Mit „Friends of Bulls“ haben wir uns in einer GmbH wirtschaftlich neu aufgestellt, die abseits des Sports tätig ist. Wir sind im Immobilienbereich tätig; nach dem Bulls-Home sind wir auf der Suche nach einem neuen Objekt, das wir revitalisieren und mit Leben befüllen wollen. Wir haben in Leoben investiert, ebenso in einen Nahversorger im südsteirischen Arnfels. Zudem sind wir an Unternehmen wie Ansatz-Plus in Kapfenberg beteiligt, demnächst an einer Pizza-Bar im Bulls-Home, auch an der Planung- und Errichtungsgesellschaft fürs künftige Veranstaltungszentrum sind wir beteiligt. In Summe sind wir auf einem guten Weg.

Bulls-Trainer Klym Artamonov bleibt auch in der kommenden Saison in Kapfenberg. Foto: Kapfenberg Bulls

Hackl: Wie leicht oder wie schwer ist es, ein Budget aufzustellen, mit dem man auch um den Meistertitel mitspielen kann?
Schrittwieser: Ähnlich herausfordernd, wie die Jahre zuvor. Zusätzlich zu den Gesellschaftern der „Friends of Bulls“ haben wir einen Wirtschaftsbeirat mit 25 Unternehmern aus der Region, die uns unterstützen und für die notwendige Wertschöpfung sorgen. Dazu kommen rund 230 Partner im Bulls-Netzwerk. Nun gilt es in mühsamster Arbeit mit sechs Bediensteten eine hohe sechsstellige Summe aufzustellen. Wir finanzieren uns zu mehr als 70 Prozent aus Sponsorgeldern und nur mit einer Handvoll unserer Partner gibt es längerfristige Verträge. Seit 40 Jahren zeichnet uns wirtschaftliche Stabilität aus, wir sind nie jemanden etwas Schuldig geblieben, wir haben keinen Konkurs fabriziert – und das soll auch so bleiben. Bleibt das Commitment unserer Partner aus, so wird nur ein reduzierter Spielbetrieb möglich sein, aber das wissen auch alle.

Hackl: Die Bulls unternehmen viel, um in der Liga vorne mitzuspielen. Was würde die Rahmenbedingungen rundherum verbessern? Mehr Sportförderung, mehr Sport in den Schulen, weitere Leistungszentren? Was können andere Länder wie Deutschland, Slowenien oder Tschechien besser?
Schrittwieser: Das lässt sich mit einem Wort beantworten: Infrastruktur. Dort, wo es gelingt, Infrastruktur für den Sport zu schaffen, überall dort funktioniert Spitzensport. In dieser Hinsicht sind uns die nordischen Länder um Welten voraus. Weiters würde es viel mehr gesellschaftspolitische Anerkennung brauchen, was Vereinssport für die Gesellschaft leistet. Es braucht das Bewusstsein, dass Sportbetreuung für Kinder und Jugendliche Geld kostet. Ich stelle mir ein Konzept wie bei den Musikschulen vor, beim Sport sind wir mit unseren Mini-Mitgliedsbeiträgen noch meilenweit weg. Unsere Nachwuchsarbeit deckt mit diesen Beiträgen die Kosten noch lange nicht ab.

Hackl: Basketball in Kapfenberg und Michael Schrittwieser sind unmittelbar miteinander verknüpft. Du hast seinerzeit den Basketball von Aflenz nach Kapfenberg gebracht. Würden die Kapfenberg Bulls auch ohne Michael Schrittwieser so erfolgreich funktionieren?
Schrittwieser: Ich hoffe doch, zumindest sind wir auf einem guten Weg. Es ist richtig, dass ich in der Außenwahrnehmung klar die Nummer eins bin, aber intern haben wir es geschafft, die Arbeit und Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Ich bin immer noch gerne bereit, mich als Gallionsfigur vorne hinzustellen, aber die internen Strukturen müssen so angepasst sein, dass sie nie personenabhängig sind. Ich denke exemplarisch an Alex Wronski, ehemaliger Spieler, vierfacher Titelträger und der jetzt Geschäftsführer bei Mewo ist und bei uns im Wirtschaftsbeirat sitzt. Ich bin gerade dabei, meine Veränderung meiner Rolle vorzubereiten.

Sämtliche Meisterpokale sind derzeit im Foyer des Bulls Homes ausgestellt. Foto: Hackl

Hackl: Die Frage geht auch andersrum: Kann sich Michael Schrittwieser ein Leben ohne Basketball vorstellen?
Schrittwieser: Kann ich mir vorstellen. Mein zweites Steckenpferd sind Immobilien, ich packe gerne handwerklich an – in diesem Bereich könnte ich tätig sein. Aber noch bleibe ich dem Basketball treu, zumal ich sehe, welche positive Entwicklung dieser Sport gerade in Europa macht. Basketball wird einen weiteren Aufschwung machen und da wäre ich schon noch gerne dabei.

Hackl: Was war dein liebster Trainer in deiner bisherigen Laufbahn?
Schrittwieser: Mir fallen auf die Schnelle zwei ein: der eine war Mike Coffin, der in Kapfenberg als Spieler und als Trainer deutliche Spuren hinterlassen hat. Mike verfügt über ein ausgezeichnetes Coachingwissen. Der zweite ist unser aktuelle Trainer. Klym Artamonov verkörpert zusammen mit Co-Trainer Fernando Merchante eine neue Trainer-Generation. Im Bereich Datenmanagement, im Nutzen von AI und KI erschließen sie eine neue Dimension des Spielemanagements. Ich kann nur hoffen, dass wir beide möglichst lange in Kapfenberg halten können.

Mein absoluter Wunschspieler? Michael Jordan mit 32 Jahren. Aber das wird nicht gehen.

Michael Schrittwieser

Hackl: Dein liebster Spieler in all dieser Zeit?
Schrittwieser: Ganz sicher Armin Woschank. Er war nicht nur der erfolgreichste Spieler mit fünf Meistertitel, den wir hervorgebracht haben, sondern war im Gesamtpaket – spielerische Qualität, Einstellung zum Sport, Persönlichkeit und Integrationsfähigkeit – die herausragende Spielerpersönlichkeit der vergangenen 50 Jahre in Kapfenberg.

Hackl: Wer wäre dein absoluter Wunschspieler?
Schrittwieser: Der Michael Jordan mit 32 Jahren – das wird wahrscheinlich nicht gehen (lachend).

Hackl: Bleibt dir noch Zeit für Hobbys?
Schrittwieser: Ja, ich richte gerade die Wohnung meiner Tochter her, ich fahre gerne Rad und ich wandere gerne. Nur Basketball spiele ich nicht. Meine Basketballschuhe habe ich mit 26 Jahren an den Nagel gehängt – und nächstes Jahre werde ich 60.

Zur Person Michael Schrittwieser

Michael Schrittwieser, geboren 1967, war und ist Basketballtrainer, -funktionär und ehemaliger Spieler. Mit fünf österreichischen Meistertiteln, vier Supercup-Titeln und drei Siegen im Cup ist Schrittwieser der erfolgreichste österreichische Basketballtrainer. 
Von 2001 bis 2006 war der studierte Sportwissenschafter auch Trainer der österreichischen Nationalmannschaft. Der Ursprung des Kapfenberger Basketballs liegt in Aflenz; von 1976 bis 1986 waren die „Bears“ in Aflenz beheimatet, 1986 übersiedelte man endgültig nach Kapfenberg.

Kapfenberg Kapfenberg Bulls Michael Schrittwieser
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Markus Hackl

Der Kindberger ist seit knapp 25 Jahren journalistisch in der Obersteiermark aktiv und seit 2025 als freiberuflicher Journalist tätig, unter anderem für die Rundschau. In seiner Rubrik "Hackl trifft" lädt er Menschen zum Gespräch, die in der Region viel bewegen und entsprechend etwas zu erzählen haben.

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