Im Gespräch mit dem „ersten Rotkreuz-Mann“ in der Steiermark, Landespräsident Siegfried Schrittwieser aus Thörl.
Im Grazer Landhaus würden sie oft liebend gerne die Tür zusperren, wenn er sich angesagt hat, weil es meistens teuer wird. Offene Türen hingegen gab es in der Rotkreuz-Bezirksstelle in Bruck beim Treffen zum Interview mit Landespräsident Siegfried Schrittwieser.

Der Kindberger Markus Hackl ist seit knapp 25 Jahren journalistisch in der Obersteiermark aktiv und seit 2025 als freiberuflicher Journalist tätig. Für die Leserinnen und Leser der Rundschau bittet er Menschen zum Gespräch, die in der Region viel bewegen und entsprechend etwas zu erzählen haben.
Markus Hackl: Lieber Siegi Schrittwieser, wie geht es dem steirischen Roten Kreuz 2026?
Siegfried Schrittwieser: Im Großen und Ganzen gut. Wie in vielen anderen Institutionen gibt es auch bei uns Probleme, die erforderlichen finanziellen Mitteln aufzustellen, um unsere Aufgaben so zu erfüllen, wie sie von uns erwartet werden.
Hackl: Die bange Frage nach der Finanzierung stellt sich bei allen Einsatzorganisationen. Wie geht’s dem Roten Kreuz konkret in dieser Hinsicht?
Schrittwieser: Obwohl wir von öffentlicher Hand, dem Land und den Gemeinden gut unterstützt werden, wird es für uns immer schwieriger, vor allem den Rettungsdienst zu finanzieren. Pro Kilometer zahlen wir vom Roten Kreuz einen Euro dazu. Das Geld kommt von Spenden und Mitgliedsbeiträgen; Geld, das für andere Aufgaben vorgesehen wäre. Uns kommt jedoch zugute, dass wir eine Indexanpassung mit dem Land ausverhandeln konnten.
Hackl: Zweite bange Frage: Wie ist es um die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter bestellt?
Schrittwieser: Ehrenamtliche können wir nie genug haben. Aktuell wird es immer schwieriger, die Dienste zu besetzen, weil es durch die Strukturveränderungen der Spitalsgesellschaft Kages zu einem deutlichen Mehraufwand im Rettungsdienst kommt. Wenn es mit dem Trend so weitergeht, dann müssen wir uns beim Roten Kreuz die Frage stellen, welche Leistungen wir zukünftig nicht mehr anbieten können.
Hackl: Wie gut ist man bei den Zivildienern aufgestellt? Würde eine Verlängerung des Grundwehrdienstes auch dem Roten Kreuz helfen?
Schrittwieser: In der Steiermark haben wir aktuell 660 Zivildiener, im Bezirk sind es im Schnitt 15 Zivildiener pro Einrückungstermin, in Summe 60. Ohne sie wäre der Betrieb im Rettungsdienst nicht mehr aufrechtzuerhalten. Wichtig für uns ist der Faktor, dass wir aus der Gruppe der Zivildiener zahlreiche unserer Ehrenamtlichen rekrutieren. Viele von ihnen bleiben in der Folge als Freiwillige beim Roten Kreuz.

Hackl: In Kapfenberg wird eine neue Ortsstelle gebaut. Wurde ein gemeinsamer Standort mit Bruck in Erwägung gezogen, schließlich trennen die beiden Rotkreuz-Stellen gerade einmal fünf Kilometer?
Schrittwieser: Diskutiert wurde darüber sicherlich, weil es aus Gründen der Wirtschaftlichkeit Sinn machen würde. Aber letztendlich hat man sich seitens der Politik nicht über so einen großen Schritt drübergetraut. Wobei ich sagen möchte, dass die beiden Städte ihre Ortsstellen sehr gut unterstützen. Die neue Ortsstelle in Kapfenberg ist ein Multifunktionsbau mit mehr als zwanzig Wohnungen, die die Brucker Wohnbau errichtet. Der Plan ist, dass wir im April 2027 einziehen können.
Hackl: Sind überhaupt alle Ortsstellen zu halten, oder wird es Schließungen bzw. Zusammenlegungen geben?
Schrittwieser: Eben weil wir als Rotes Kreuz die Finanzmittel nicht selbst sicherstellen können, denken wir eigentlich ständig über Einsparpotenziale nach. Über unsere Ortsstellen beziehen wir den Großteil unserer Freiwilligen, weil es dazu die lokale Verortung braucht. Sollte es sich irgendwo mit den ehrenamtlichen Helfern nicht mehr ausgehen und wir den Rettungsdienst mit hauptamtlichen Mitarbeitern abwickeln müssen, dann müssen wir auch über Zusammenlegungen intensiv nachdenken.
Hackl: Stichwort Gesundheitsreform. Muss das Rote Kreuz Zentralisierungsbemühungen ausbaden, wie am Beispiel Schließung der Notfallambulanz am LKH in Bruck?
Schrittwieser: Das Gesundheitssystem ist natürlich finanziell sehr belastet, und weder Bund noch Land haben ein Rezept dafür, wie sich so ein System finanzieren lässt, ohne dass die Qualität der medizinischen Versorgung eingeschränkt werden muss. Ich darf mit dem Beispiel Mariazell kommen. Seit dem Wegfall des Spitals hat das Rote Kreuz vor Ort mit einem Abgang von rund 400.000 Euro zu kämpfen, zurückzuführen auf längere Anfahrten zu den Krankenhäusern und die dadurch notwendige Mehrfachbesetzung des Personals. Es gibt jedoch eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem Gesundheitslandesrat Karlheinz Kornhäusl, dem es immer wieder gelingt, neue Töpfe anzuzapfen.
Hackl: Das Rote Kreuz kommt dabei stets mit dem Argument des Mehraufwandes, verbunden mit mehr Zeitaufwand. Seitens des Landes Steiermark wird jedoch festgehalten, dass das Argument mit den Mehrfahrten nicht schlüssig ist, weil zum Beispiel wiederum Fahrten nach Graz wegfallen. Wer hat hier recht?
Schrittwieser: Wir fahren jetzt definitiv mehr Kilometer als im Jahr 2024, und die Mitarbeiter sind auch länger unterwegs. Dadurch müssen wir die Dienste oft mehrfach besetzen. Und wie gesagt, bei jedem gefahrenen Kilometer machen wir einen Euro Minus. Ich orte das Problem viel eher beim mangelnden Kostenersatz durch die ÖGK, die Österreichische Gesundheitskasse. Da sehe ich zu wenig Wertschätzung für den Rettungsdienst. Es kann nicht sein, dass das Rote Kreuz mit seinem umfangreichen Leistungsangebot, das von der Gesellschaft auch eingefordert wird, jahrein, jahraus als Bittsteller fungieren muss. Mir kommt es vor, als würde bei allen Überlegungen zur Gesundheitsreform auf den Rettungsdienst vergessen werden. Das kann es nicht sein, und ich werde keine Ruhe geben, bis sich die Situation für uns verbessert.
Hackl: Lassen sich die Mehrkilometer zum Beispiel im Rettungsbezirk Bruck-Mürzzuschlag belegen?
Schrittwieser: Allein im Bezirk Bruck-Mürzzuschlag sind wir im Vorjahr um rund 60.000 Kilometer mehr gefahren als noch im Jahr 2024. Jedoch bei 2300 weniger Fahrten.
Hackl: Gerade im Sozialbereich kommt es zu teils massiven Kürzungen. Wie sehr ist das Rote Kreuz zum Beispiel bei Tätigkeiten abseits des Rettungsdienstes betroffen? Ich denke an die Team Österreich Tafeln oder an die vielen Sozialdienste…
Schrittwieser: Noch spüren wir von den Einsparungen wenig, auch weil wir die Finanzierung unserer Projekte, unter anderem der Team Österreich Tafel, vorausschauend langfristig abgesichert haben.
Hackl: Gibt es für den Siegi Schrittwieser ein Ablaufdatum als erster Rotkreuz-Mann im Lande?
Schrittwieser: Ich habe ja eben erst angefangen, gelte ja gewissermaßen noch als Nachwuchshoffnung. Ich bin voller Tatendrang, sehe noch viele Aufgaben vor mir, ich bin fit. Nein, der Siegi Schrittwieser hat kein Ablaufdatum.

Zur Person
Siegfried Schrittwieser, Jahrgang 1952, ist gelernter Schlosser und fand über die rote Parteijugend, die Personalvertretung und den Thörler Gemeinderat den Weg in die Politik. Nach der Wahl 1986 zog er als Abgeordneter in den steirischen Landtag ein, für die SPÖ war er damals als Bezirksgeschäftsführer, später auch als Landesgeschäftsführer tätig. Von 2004 bis 2006 war er Bürgermeister von Thörl, bis 2009 Landtagspräsident und in der Folge Landeshauptmann-Stellvertreter. Aus der Politik hat er sich im Jahr 2015 zurückgezogen. Beim Roten Kreuz übernahm Schrittwieser im Jahr 1983 die Leitung der Ortsstelle Thörl und war seit dem Polit-Rückzug auf Bezirksebene engagiert. Im Juni 2024 wurde er von der steirischen Generalversammlung zum Rotkreuz-Landespräsidenten gewählt.
Zum Roten Kreuz
Das Rote Kreuz ist mit 71 Ortsstellen und 16 Bezirksstellen tief in allen Regionen der Steiermark verwurzelt. Rund 10.400 ehrenamtliche Rotkreuz-Mitarbeiter halten diese Einsatzorganisationen am Leben, unterstützt von 1800 hauptamtlichen Mitarbeitern. Aktuell sind auch rund 660 Zivildiener beim Roten Kreuz beschäftigt. Im Rettungsdienst kam es im Jahr 2024 zu mehr als 582.000 Einsätzen, davon 24.258 mit Notarzt. Im Bezirk Bruck-Mürzzuschlag sind in den zehn Ortsstellen rund 1100 ehrenamtliche Mitarbeiter tätig, davon rund 600 allein im Rettungsdienst. Unterstützt werden sie von knapp 80 hauptamtlichen Mitarbeitern.




