Im Gespräch mit Pater Michael Staberl, seit zehn Jahren Superior der Basilika Mariazell und seit 30 Jahren im Benediktinerorden: Eine Million Pilger im Jahr werden mit professioneller Gelassenheit abgewickelt.
Markus Hackl: Mit 1. Mai startete Mariazell in die neue Wallfahrtssaison; rund eine Million Pilger dürfen auch heuer wieder erwartet werden. Macht diese hohe Zahl an Pilgern Sie ein wenig demütig?
Pater Michael Staberl: So eine hohe Zahl macht natürlich demütig, lässt mich aber stets auch staunen: es gibt bekanntlich ja europaweit den Rückgang an Kirchenbesuchern, dieser aber ist in Mariazell überhaupt nicht spürbar. Die Wallfahrergruppen werden zwar weniger, diese werden aber durch Individualpilger aufgewogen.
Hackl: Was werden die Höhepunkte der diesjährigen Pilgersaison sein?
Staberl: Das Wesen von Mariazell ist, dass wir wenig mit Höhepunkten arbeiten, sondern wir setzen auf eine tagtägliche Betreuung der Pilger. Wir versuchen für alle Pilger da zu sein und wollen uns nicht auf einzelne Höhepunkte konzentrieren. Natürlich stechen gewisse Veranstaltungen heraus: Wir sind am 1. Mai mit einem Festgottesdienst mit dem Abt von St. Lambrecht in die Saison gestartet, wir freuen uns auf die große Wallfahrt zum 75-jährigen Bestehen der katholischen Frauenbewegung, ebenso freuen wir uns auf die steirische Lehrlingswallfahrt. Es gibt die Edlseer-Wallfahrt, im September die große Sänger- und Musikantenwallfahrt und immer besonders farbenfroh: die Wallfahrt der Burgenlandkroaten.

Hackl: Das Benediktiner-Stift St. Lambrecht feiert heuer sein 950-jähriges Bestehen; die Jubiläumsfeierlichkeiten stehen unter dem Motto „Geist voll Leben – seit 950 Jahren“. Wie sehr strahlt dieses Jubiläum und deren Motto auch nach Mariazell aus?
Staberl: Seit der Gründung Mariazells sind wir ein Teil des Stiftes St. Lambrecht und somit strahlt dieses Jubiläum auch stark nach Mariazell aus, schließlich ist Mariazell die bedeutendste Kirche des Stiftes. Mariazell ist ja auch ein guter Werbeträger für St. Lambrecht (lachend). Es wird auch eine Jubiläumswallfahrt von St. Lambrecht nach Mariazell geben.
Wallfahrt darf auch ein gesellschaftliches Ereignis sein. Sich auf den Weg zu machen, ist immer besser als sich nicht auf den Weg zu machen.
Michael Staberl
Hackl: Pilgern liegt im Trend, die Hochsteiermark zum Beispiel setzt heuer ganz stark auf das Radpilgern. Rückt Ihnen da oft nicht die Spiritualität zu sehr in den Hintergrund. Bei den Fußwallfahrern spielt die Hüttengaudi und das gemeinschaftliche Erlebnis sehr oft eine weitaus dominantere Rolle, als es der eigentliche Sinn des Pilgerns sein sollte?
Staberl: Sich auf den Weg nach Mariazell zu machen ist immer besser, als sich nicht auf den Weg zu machen. Die Menschen haben sich ganz bewusst für das Ziel Mariazell entschieden und genau dieses Ziel macht etwas mit den Menschen. Man entkommt der Spiritualität nicht. Natürlich gibt es in der Ausgestaltung einer Wallfahrt große Unterschiede. Aber in dieser stressvollen Zeit darf man auch das gesellschaftliche Erlebnis einer Wallfahrt nicht außer acht lassen. Auch das lustige Zusammensitzen bei einem Glaserl Wein macht Kirche und Glaube als Gemeinschaft der Freude erfahrbar. Das Radpilgern ist im Kommen und hat auch damit zu tun, dass unsere geografische Lage es mit sich bringt, dass eine Anreise über die Berge mit dem E-Bike doch erheblich erleichtert worden ist. Weil Seeberg oder Annaberg sind schon enorme Hürden, die ohne E-Bike für viele unüberwindbar scheinen würden.
Hackl: Die „Schönheit des Glaubens“ wird in Mariazell besonders augenscheinlich. Ist für den Glauben die scheinbar profane Ästhetik der Landschaft und der Bauten, wie der Basilika, hilfreich?
Staberl: Es ist natürlich ein wesentliches Element. Die Basilika in Mariazell steht für gelebten lebendigen Glauben, deswegen kommen die Menschen auch zu uns. Die Kirche wurde im Laufe der Jahrhunderte immer größer und prunkvoller und zog damit auch wieder mehr Wallfahrer an. Die schöne Kirche manifestiert den heiligen Ort und der heilige Ort wiederum hat das Bauwerk Kirche befördert. Anders verhält es sich mit der Landschaft: viele Jahrhunderte hat die Landschaft keine Rolle gespielt, sondern war mit Mühe verknüpft. Es war ein mühevolles Unterfangen, Mariazell über die Berge zu erreichen. Erst mit den Empfindungen eines Erzherzogs Johann begann die Schönheit der Landschaft eine immer größer werden Rolle zu spielen – die schöne Landschaft als wundervolle Schöpfung Gottes. Der Boom der Fußwallfahrt geht sicherlich auf die besonders schöne Lage Mariazells zurück.
Hackl: Wo pilgern eigentlich die Mariazeller hin? Die Sonntagberg-Wallfahrt hat ja lange Tradition?
Staberl: Die Wallfahrt zum Sonntagberg Anfang Juli ist seit 1680 ein jährlicher Fixpunkt für die Mariazeller, mit dreitägiger Fußwallfahrt, einer Radwallfahrt sowie einer Anreise mit Bussen. Die Zahl der Fußwallfahrer schwankt zwischen 40 und 80 Personen, je nach Wetter. Ich wollte in meiner Zeit als Stadtpfarrer immer die 100er-Marke knacken, das ist mir knapp nicht gelungen, 97 war die Höchstzahl. Der Sonntagberg passt auch aus theologischer Sicht gut zu Mariazell. Wir sind der größte Marien-Wallfahrtsort in Österreich, Sonntagberg ist eine Dreifaltigkeitskirche – und die Dreifaltigkeit steht auch über Maria noch drüber.
Hackl: Welche Rolle spielen die Benediktiner in Mariazell?
Staberl: Eine große Rolle, allein schon deshalb, weil sie seit dem Jahr 1103 in der Region sind und seit 1157 die Kirche besitzen und führen. Seit der Gründung ist Mariazell benediktinisch geprägt. Die Benediktiner sind sehr gastfreundlich, deshalb passen Wallfahrtsorte auch so gut zu den Benediktinern. Die Benediktiner haben zudem die „Stabilitas“ im Gelübde, also zu einem Ort fix gehören. Wir sind seit 870 Jahren hier und wir haben auch vor, hier in Mariazell zu bleiben. Somit machen die Benediktiner Mariazell zu einem „stabilen Ort“.
Hackl: Sie sind ja auch Erhalter der Basilika: wie ist es um die Bausubstanz aktuell bestellt? Stehen größere Renovierungsarbeiten an?
Staberl: Die großen Renovierungsarbeiten an der Basilika wurden ja seit rund 25 Jahren abgeschlossen, davon profitieren wir naturgemäß bis heute. Es hat auch einen Paradigmenwechsel gegeben: es soll nicht alle 50 Jahre eine Großrenovierung geben, sondern wir versuchen laufend etwas zu tun. Die Sprünge an der Fassade der Türme werden laufend ausgebessert, so kommt es auch nie zu den großen Schäden. Im Vorjahr und auch heuer noch haben wir beispielsweise sämtliche Beleuchtungskörper in und um die Basilika und der Schatzkammer getauscht und erneuert – notwendig geworden ist dieser Tausch, durch eine EU-Verordnung, die die alten Leuchtkörper wie Neon-Röhren oder Quecksilberdampflampen verboten hat. Immerhin ein Kostenaufwand von insgesamt 400.000 Euro. Wir haben aber auch in eine Photovoltaikanlage und in ein leistungsfähiges Notstromaggregat investiert.
Hackl: Mariazell ist ja auch Teil des Netzwerkverbandes „Shrines of Europe“. Wie sinnhaft sind diese Vernetzungsbestrebungen der größten Wallfahrtsorte Europas?
Staberl: Es ist an sich ein reines Netzwerk der Kommunen und hat mit der Kirche wenig zu tun. Es ist aber durchaus wichtig, dass man für Europa Lobbyismus für Wallfahrtsorte betreibt. Über das hinaus pflegen wir in Mariazell einen sehr intensiven kirchlichen Austausch mit den vier großen deutschsprachigen Wallfahrtsorten Altötting, Einsiedeln in der Schweiz und Kevelaer in Nordrhein-Westfalen. Zu den Syriens ist dies für uns eine sehr gute Ergänzung. Mit Fatima und Lourdes können wir uns ob der Größe und der Erscheinung nicht so gut vergleichen.
Hackl: Sie sind heuer seit zehn Jahren Superior. Hat sich Mariazell und das Leben in der Basilika seit dieser Zeit verändert?
Staberl: Unter Ausklammerung der beiden Corona-Jahre Gott sei Dank nicht. Die Welt ändert sich zwar laufend, spürbar in Mariazell ist jedoch ein gewisses Maß an Kontinuität. Veränderungen in der Gesellschaft passieren nur langsam, noch ist kein Bruch in der Gesellschaft spürbar.

Hackl: 1996 – also vor 30 Jahren – sind sie dem Benediktinerorden beigetreten. Was hat sie als junger Mensch bewegen, einem Orden beizutreten?
Staberl: Dieses eine große Berufungserlebnis hat es in meinem Fall nicht gegeben, es ist langsam gewachsen. Als gebürtiger Mariazell hat mich die Wallfahrt und diese Umsetzung des lebendigen Glaubens immer schon fasziniert. Erfahrungen und große Erlebnisse in der Pfarrjugend haben dies noch verstärkt; zudem haben mich Kunst und Kultur sehr interessiert. Ich habe nach der HTL Theologie studiert und bin erst nach dem Abschluss des Magisteriums ins Kloster eingetreten.
Feuerwehr ist sehr lebendig und im Vergleich zur Kirche eine Spur jünger und dynamischer. Sie ist auch für den Kopf ein guter Ausgleich.
Michael Staberl
Hackl: Sie sind ja auch leidenschaftlicher Feuerwehrmann und zudem auch Landesfeuerwehrseelsorger für die Steiermark. Welchen Stellenwert nimmt die Feuerwehr in ihrem Leben ein?
Staberl: Doch einen sehr großen. Die Feuerwehr geht über ein reines Hobby hinaus, es ist ein ehrenamtliches Engagement. Ich bin als Zugskommandant aktives Mitglied der Feuerwehr in Mariazell und bin seit 2006 – also das nächste Jubiläum Feuerwehrseelsorger für die Steiermark. Feuerwehr ist doch sehr lebendig und im Vergleich zur Kirche eine Spur jünger und dynamischer. Bei der Feuerwehr haben wir nicht wie in der Kirche diese große Last der Tradition zu tragen und oft vermisse ich mutigere Ansagen. Auch für den Kopf ist hier die Feuerwehr ein guter Ausgleich.
Hackl: Ihr letzter Feuerwehr-Einsatz?
Staberl: Erst unlängst bei einem Verkehrsunfall im benachbarten Niederösterreich. Zum Glück nur mit einer leicht verletzten Person. Ich versuche auch, bei unseren wöchentlichen Übungen regelmäßig dabei zu sein.
Hackl: Weil wir schon beim Tourismus waren: Wo und wie verbringt Pater Michael seinen Urlaub?
Staberl: In meinem Urlaub zieht es mich in Gegenden, wo es Kunstgeschichtliches zum Anschauen gibt. Im Vorjahr gab es einen Kurzurlaub nach Nürnberg, wo in einem Museum tolle gotische Tafelbilder ausgestellt sind. Die Toskana reizt mich immer, aber auch Holland und Belgien.
Zur Person
Pater Michael Staberl wurde 1971 in Mariazell geboren. Nach dem Pflichtschulabschluss absolvierte er die HTL in St. Pölten, danach ein Theologiestudium, ebenfalls in St. Pölten. 1996 trat er in den Benediktinerorden ein. Das Doktoratsstudium absolvierte er in Wien. 2001 wurde er in St. Lambrecht zum Priester geweiht. Es folgten drei Jahre als Kaplan in St. Lambrecht, 2004 wurde er zum Stadtpfarrer in seinem Heimatort bestellt, 2006 erfolgte die Bestellung zum Superior (zum Leiter der Ordensgemeinschaft). Pater Michael ist Landesfeuerwehrkurat und aktives Mitglied der Feuerwehr Mariazell.





